6 JANUARY 1939, Page 21

RUCKBLICK UND AUSBLICK

[Von einem deutschen KorresponclentenJ FOR manche besinnliche Naturen ist. die letzte Nacht des vergehenden, die erste des entstehenden Jahres nicht die lauteste, sondern die leiseste. Um Bilanz zu machen, urn sich Gedanken fiber die Zukunft zu machen, ist es besser, n der stVlen Kammer in sich hinein zu schauen, als auf den iauten Zentren der europaischen Metropolen seinen jammer iln Alkohol zu ertranken. Aber schon Prinz Orlofsky sings in der " Fledermaus " bekanntlich : " Chacun a son gout . . ."

Dass Europa, oder besser gesagt die Mehrzahl seiner Lander, sich noch eines Friedens erfreuen kann, das gehort zu den grossen and unerklarlichen Wundern dieser so kleinen und unerklarlichen Zeit. Die zwei grossen sakularen Ereignisse unserer Generation, die Eingemeindung Osterreichs in Deutschland and die Ausgemeindung Russlands aus Europa sind nur zwei Erscheinungsformen desselben Prozesses : die Balkanisierung des Kontinents. Was Leo Trotzki im Jahre 1917 propagierte, die Vereinigten Sozialistischen Staaten Europas, was Graf Coudenhove in den folgenden zwanzig Jahren organi- sierte, Paneuropa-es ist in einer etwas merkwiirdig verzerrten antithetischen Form Realitat geworden : die Vereinigten Faschistischen Staaten Europas, oder in einem Worte : Panger- mania. Deutschland hat das Testaments des Kanzlers von Blut und Eisen heute realisiert im Werk des Fiihrers mit Tinte und Eisen. So viel Ventage sind in Zeiten, wo ein Mann-ein Wort gait, kaum unterzeichnet worden, die allge- meine politische Hysterie manifestiert sich in Autogrammen.

Politisch steht Deutschland auf der Hohe seiner Macht. Die allge:neine politische Rechtslosigkeit und Rechtsunsicherheit sind so gross, dass kein Staat heute weiss, auf welcher Seite er morgen kampfen wird. Diese allgemeine Orientierungs- losigkeit des kiinftigen europaischen Schlachtviehs unl seines Fiihrers, des Diplomaten, bedeutet den Trumpf in des Fiihrers Hand. Eine Unsicherheit, die im wachsenden Jahr noch starker sein wird als im abgeschiedenen. Das Leben ist nicht mehr lebenswert, das man in permanenten bombensicheren Unterstanden leben muss.

Wirtschaftlich steht Deutschland auf dem Wendepunkt. Die Steuern, Anleihen, Biirgerkriegs-Kontributionen, die das Dritte Reich von Osterreichern, Czechoslovaken und Juden erhebt, finden und fanden bereits zum Teil ein natiirliches Ende in der volligen Pliinderung des wehrlosen Partners. Die steigende Sadistik des Terrors kann die sinkende Statistik des Handels nicht aufhalten.

Kulturell steht Deutschland auf dem Tiefpunkt. Kunst- lerisch, literarisch, musikalisch herrscht die Diktatur der Sterilitat. Die Theater schopfen aus dem Vollen—der Vergangenheit. Die Kunstausstellungen konservieren den modernen Riesenkitsch. Die Orchester schwelgen in klassischer and vornazistischer Musik. Die Oper zehrt von den beiden Richards, Wagner and Strauss. Der Film monopolisiert sich in Fliegerei, Jagerei und Patriotismus. Der Rundfunk ist ein Echo des Fiihrergebriills. Das Ideal der deutschen Kunst ist eine Mischung aus Old Shatterhand und Hans Sachs.

Diese Bilanz ist fiir den aufrichtigen und aufrechten Deut- schen eine entmutigende ; sie schliesst, kaufmannisch ge- sprot he a, mit einem gewaltigen Defizit. In Deutschland, wo alles monumental und fiir die Ewigkeit gebaut inklusive der famosen Autostrassen, auf der ein Volk, ein Reich, cin Fahrer kaum tausend Jahre herumfahren diirften, in Deutschland ist such das Defizit gigantisch.

Und wie sieht der Haushaltsplan fur die Zukunft aus ? Man bat Furcht, innen und aussen, an sie zu denken. Der machtigste Mann im Dritten Reich ist heute weder Hitler noch Himmler. Der machtigste Mann ist heute Ernst Rohm, der Tote. Sein Schicksal bestimmt und iiberschattet noch the Aktionen der Opposition. Wir wissen nicht, welche Gruppe each den zerschlagenen Gruppen der Kommunisten, Sozialisten, Liberalen, Juden, Katholiken, Protestan :en, Ludendorffisten, Rolunisten, Neuheiden und Altchristen an der Reihe ist. Wir wissen nur, dass der Totentanz d s ungliicklichen " einmiitig hinter dem Fiihrer geschlossenen," ja, in Ketten geschlossenen Deutschen Volkes noch lange nicht zu Ende ist. Dass das Schlimmere noch folgt, entweder seine Befreiung in eir.em grauenhaften Bruderkrieg oder seine Zers...iickelung in einem noch grauenhafteren Volkerkrieg.

Vielleicht gibt es noch eine dritte Leatmg. Wer sie auch nicht sieht, der mag doch still auf sie hoffen.